Communityzentriertes Schalenmodell des OER-Ökosystems

Wann wird aus einzelnen Materialien im Netz eigentlich ein funktionierendes Ganzes? Und was braucht es, damit Lehrende an Hochschulen und beruflichen Schulen nicht nur Inhalte teilen, sondern gemeinsam an einer lebendigen Praxis des Teilens arbeiten? Mit diesen Fragen im Gepäck reisten unsere Co-WOERK Kolleginnen Tanja Jeschke (BTU Cottbus-Senftenberg) und Gesina Seyfert (Hochschule Neubrandenburg) im Juni zur digiLL-Tagung „Open Education – Gemeinsam: gestalten, teilen, lernen“ an die Ruhr-Universität Bochum.

Im Gepäck hatten sie den mit Anna Höffler (Hochschule Neubrandenburg) und Dr. Nancy Walter (Universität Potsdam) gemeinsam erstellten Tagungsvortrag zum Thema „Das OER-Ökosystem als gemeinsamer Handlungsraum von beruflicher Bildung und Hochschulbildung – Konzeptionelle und praktische Perspektiven auf Open Educational Practices (OEP) am Beispiel des Projekts Co-WOERK“.

Auf besonders positive Resonanz stieß das erstmals öffentlich vorgestellte communityzentrierte Schalenmodell für das OER-Ökosystem (siehe Abbildung oben) und wurde im Anschluss in der Fachcommunity vielfach diskutiert. 

Communityarbeit ist im Co-WOERK-Projekt kein ergänzendes Begleitformat, sondern der eigentliche soziale und kulturelle Kern des OER-Ökosystems. Das Modell beschreibt, wie der Handlungsraum für Open Educational Practices in der beruflichen Bildung und Hochschule gestaltet ist, und welche Rolle dabei die Community einnimmt. Der von uns definierte Ausgangspunkt: Ein enges Verständnis von OER-Ökosystemen richtet den Blick überwiegend auf (digitale) Infrastruktur, wie Plattformen, Metadaten oder technische Standards. Ein weites Verständnis rückt dagegen die Menschen und ihre Praktiken in den Mittelpunkt.

Das von innen nach außen zu lesende Schalenmodell verbindet Perspektiven, schiebt die Community aber deutlich ins Zentrum des OER-Ökosystems:
🔵 Im Zentrum stehen die sozialen und kulturellen Praktiken des Teilens und Kooperierens.
🔴 Darauf bauen die Ermöglichungsstrukturen auf – von Infrastruktur über Governance bis hin zu Policies.
⚪ Den äußeren Rahmen bildet ein bildungspolitisches Bekenntnis zu Offenheit, das nachhaltige OEP erst langfristig ermöglicht.

Vier Spannungsfelder für nachhaltige OEP

Im Projekt Co-WOERK haben wir vier Spannungsfelder identifiziert, die nachhaltige Open Educational Practices in der Hochschule und der beruflichen Bildung prägen.

Spannungsfeld 1 – Infrastrukturentwicklung: Gemeinsame Infrastruktur ↔ Unterschiedliche Nutzungskontexte: Community und Infrastruktur erfüllen unterschiedliche Rollen. Im Kern stehen die sozialen und kulturellen Praktiken des Teilens und Kooperierens. Infrastruktur verstehen wir als Ermöglichungsstruktur. Sie orientiert sich an den Bedarfen der Community und stellt Möglichkeiten für nachhaltige OEP bereit. Aber ohne Community gibt es keinen bzw. kaum Bedarf an digitaler Infrastruktur im Kontext OER und OEP.

Spannungsfeld 2 – Qualitätssicherung: Offenheit ↔ unterschiedliche Qualitäts- und Lehrverständnisse: Qualität verstehen wir nicht als statische Eigenschaft einzelner Materialien. Sie entsteht vielmehr durch Austausch, Feedback und gemeinsame Weiterentwicklung innerhalb einer Community. Gerade zwischen Hochschule und beruflicher Bildung treffen dabei unterschiedliche Lehrkulturen, Qualitätsverständnisse und institutionelle Routinen aufeinander. Für uns ist genau dieser Dialog ein zentraler Bestandteil eines lebendigen OER-Ökosystems.

Spannungsfeld 3 – Governance und Anreizstrukturen: Individuelles Engagement ↔ institutionelle Anerkennung: In Gesprächen mit Lehrenden begegnet uns immer wieder ein ähnliches Bild: Die Idee von Offenheit wird grundsätzlich befürwortet, Materialien werden gern weitergegeben und viele sehen den Mehrwert von OER für Lehre und Lernen. Dennoch bleibt die aktive Beteiligung an OER und OEP häufig auf einzelne Engagierte beschränkt. Warum? Weil Offenheit nicht allein eine Frage der Motivation ist. Sie hängt auch davon ab, welche Rahmenbedingungen Institutionen schaffen. Wer Materialien offen bereitstellt, sich in Communities engagiert oder gemeinsam Lehr-Lern-Angebote entwickelt, investiert Zeit und Expertise. Deshalb sind Governance- und Anreizstrukturen für uns eine zentrale Ermöglichungsstruktur im OER-Ökosystem. Sie schaffen nicht automatisch eine Kultur des Teilens, aber sie können Bedingungen schaffen, unter denen sie wachsen und sich verstetigen kann.

Spannungsfeld 4 – Institutionsübergreifende Community ↔ Fachcommunity: Communityarbeit bildet für uns den Kern des Schalenmodells. Gerade durch die beiden Projektschwerpunkte – Hochschule und berufliche Bildung – wird deutlich, dass nachhaltige Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen stattfindet. Neben einer institutionsübergreifenden Community braucht es Fachcommunities und Micro-Communities, in denen gemeinsames Verständnis, Vertrauen und konkrete Zusammenarbeit entstehen. So ist die am Standort Hochschule Neubrandenburg entwickelte Micro Community-Building Strategie (MCB) ein Bottom-up-Ansatz, um themenspezifische Communities aufzubauen und sie über einen strukturierten Prozess – von der Identifikation über die Sensibilisierung bis zur Vernetzung – in kollaborative und selbstgesteuerte Lernräume zu überführen.

Eure Meinung ist gefragt

Nachdem das communityzentrierteModell im Anschluss an die Präsentation auf der digiLL Tagung bereits mit Teilnehmenden diskutiert wurde, und die Rückmeldungen sehr wertvoll waren, würden wir die Diskussion auch an dieser Stelle gerne weiterführen. Welche Überschneidungen und Gegensätze seht ihr im Zusammenhang mit eurem Communitymanagement im Schalenmodell? Wie wird Qualität in euren OER- oder Open-Education-Kontexten entwickelt? Welche Rolle spielen Community und gemeinsame Reflexion? Welche Formen der Anerkennung oder Unterstützung haben in eurem Kontext dazu beigetragen, offenes Teilen und Zusammenarbeit zu stärken? Wie erlebt ihr das Zusammenspiel von institutionsübergreifenden Communities und Fachcommunities?

Wir sind gespannt auf eure Erfahrungen und Anregungen und nehmen eure Impulse gerne in die Weiterentwicklung des Modells auf. Schreibt uns gerne per Email an kontakt@co-woerk.de oder nehmt direkt Kontakt mit unseren oben genannten Community Managerinnen auf.

Nach oben scrollen