OER im Blick: Zwei Tage Köln, ein Dschungel voller Ideen

Am 28. und 29. April 2026 kam die Community rund um die OER-Strategie zur jährlichen Statuskonferenz „OER im Blick“ zusammen, organisiert vom DLR Projektträger und dem BMBFSFJ. Die Konferenz bringt Projekte aus verschiedenen Förderlinien an einen Tisch – von der Hochschuldidaktik über die berufliche Bildung bis zur Schulentwicklung. Und alle verbindet die Frage, wie Bildungsmaterialien nicht in Schubladen verschwinden, sondern weitergenutzt, co-kreativ weiterentwickelt, geteilt werden, damit aktuell bleiben und an Qualität gewinnen. Für unser Verbundprojekt Co-WOERK war die Konferenz ein tolles Wiedersehen, viele Gespräche am Rande und Einblicke in die Arbeit anderer Projekte. Zudem hatten wir vier eigene Beiträge im Programm! Ein kurzer Rückblick auf das, was wir mitgebracht und mitgenommen haben.

Navigationshilfen für praktische OER-Kommunikation zwischen professioneller Öffentlichkeitsarbeit, Social Media, Machbarkeit und Haltung

Im praxisorientierten Workshop nahmen Dr. Christine Kolbe und Heike Gruner von der Europa-Universität Viadrina die 14 Teilnehmenden mit in die Learnings der Öffentlichkeitsarbeit unseres Projekts. Es ging um die Fragen, wie Drittmittelprojekte ihre Kommunikation auch ohne große PR-Abteilung organisieren können, welche Tools hilfreich sind und wie sich Inhalte so aufbereiten lassen, dass sie auf mehreren Kanälen funktionieren. Die rege Diskussion kreiste dabei vor allem auch um die Anforderungen der kommerziellen Plattformen und wie sie für die eigenen Projekte bespielt werden sollten, wenn die Personaldecke dünn ist. Die pragmatische Antwort: Projektwebseite und LinkedIn sind ein guter Anfang. Außerdem wichtig: die großen Hauptkanäle der eigenen Institute und Organisationen nutzen und frühzeitig den Kontakt zu deren Kommunikationsabteilungen suchen.

Soziale NetzwOERke – Warum Social Media im OER-Ökosystem mehr als Reichweite schaffen kann

Ergänzend zum Workshop adressierte Dr. Christine Kolbe in ihrem Vortrag noch einmal tiefer das Spannungsfeld, in dem sich Bildungsprojekte auf kommerziellen Plattformen bewegen. Die zentrale These: Social Media kann im Ökosystem offener Bildung für die Bereiche Sensibilisierung, Awareness und Policy eine zentrale Rolle spielen und hier mehr als Reichweite schaffen. Es geht vor allem um Vernetzung, Dokumentation von Projektarbeit und das Sichtbarmachen von Kooperationen. Wenn die guten Argumente und guten Geschichten rund um offene Lehr- und Lernpraxen auch auf den beliebten Social Media Kanälen immer wieder und neu erzählt werden, kann das einen Beitrag leisten, offene und freie Bildung bekannter und beliebter zu machen. Als Open-Education-Community müssen wir uns aber ehrlich die Frage stellen, ob und wie sich Offenheit auf proprietären Plattformen überhaupt leben lässt. Christines Antwort: mit kritischer Social Media Arbeit, wie es etwa das Bündnis Bits & Bäume vorschlägt und mit diskriminierungskritischer Sorgfalt und Haltung praktiziert. Der Vortrag ist als offenes Bildungsmaterial erschienen und kann hier nachgelesen werden.

Mit der OER-Anreizematrix die eigene Zielgruppe verstehen und gezielt aktivieren

In einem belebten MeetUp haben Silvia Retzlaff (Universität Rostock) und Nancy Walter (Universität Potsdam) die Co-WOERK-Anreizematrix vorgestellt – ein Instrument, das verschiedene Anreizkategorien mit Adoptionsphasen verknüpft, um gezielter mit unterschiedlichen Zielgruppen arbeiten zu können. Im MeetUp wurde die Matrix mit konkreten Maßnahmen gefüllt und geprüft, ob die bisherige Planung mit der Systematik zusammenpasst. Es entstand ein produktiver und erfreulich systematischer Austausch mit Multiplikator:innen, der zeigen konnte, dass ein solches Werkzeug dann seinen Wert entfaltet, wenn es gemeinsam in der Praxis weiterentwickelt wird.

Offene Prüfungsformate statt Abgabeschublade. Ein Input und Austausch über alternative Leistungsnachweise an Hoch- und Berufsschulen

Der Vortrag von Dr. Christin Barbarino (Europa-Universität Viadrina) und Gesina Seyfert (Hochschule Neubrandenburg) zu offenen Prüfungsformaten startete bei folgendem relevanten Ausgangspunkt: Hausarbeiten, Präsentationen, Projekte werden bewertet, abgegeben und verschwinden. Für wen wurde das dann eigentlich gemacht? Unsere beiden Kolleginnen schlugen einen Bogen von der Kritik an rein summativen, punktuellen Prüfungen hin zu prozessorientierten Formaten, in denen Studierende etwas schaffen, das sichtbar bleibt und weitergenutzt werden kann. Die Praxisbeispiele reichten von interaktiven Büchern im Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg bis zur Portfolio-Arbeit mit Mahara in der Peer-Tutoring-Ausbildung am Zentrum für Lehre und Lernen der Europa-Universität Viadrina.

Besonders spannend war der Blick auf das Prinzip „Ungrading“, das konventionelle Benotungssysteme grundsätzlich hinterfragt und argumentiert, dass Noten intrinsische Motivation hemmen, den Fokus auf Produkte statt Prozesse lenken und Verhaltensweisen wie Risikovermeidung und Konkurrenzdenken fördern (Kohn & Blum, – 2020). Ungrading setzt dagegen auf Portfolios, narrative Beurteilungen, Peer-Feedback und wiederkehrende Selbsteinschätzung – ein Ansatz, der nicht zeitsparend ist, aber zu tieferem Lernen und besseren Beziehungen zwischen Lehrenden und Studierenden führt.

Die anschließende Diskussion zeigte viel Interesse und Resonanz. Auf der Pro-Seite stand die Vision einer offenen Lernkultur, in der Machen wichtiger ist als Perfektion. Gleichzeitig wurde klar benannt, was noch fehlt: Gerade für Bachelorstudierende können offene Formate herausfordernd sein, der Aufwand ist hoch, und die Frage nach der Qualität und Anschlussfähigkeit der entstehenden Materialien muss von Anfang an mitgedacht werden. Die Vorstellung von Lehrenden als „Wissenstankstelle“ sei ein veraltetes Konzept – Lehren und Lernen auf Augenhöhe brauche andere Formate, und alternative Prüfungsformen könnten ein Hebel dafür sein. Gleichzeitig wurde betont, dass summative Verfahren ihre Berechtigung behalten und der kritische Moment des wissenschaftlichen Schreibens sich eben oft nur in der klassischen Hausarbeit entfaltet.

Viele Inputs – viele Einblicke und viel gelernt!

Wir haben natürlich auch viel aus den anderen Sessions gelernt! Im MeetUp zu „OER-Sprints als kollaborativem Arbeitsformat“ wurde etwa ein Ansatz vorgestellt, den twillo entwickelt hat, und der unter dem schönen Namen „Materiallabore“ zu finden ist. Wir finden die Idee überzeugend: Statt darauf zu warten, dass Lehrende neben ihrem vollen Kalender noch Zeit finden, Bildungsmaterialien offen aufzubereiten, werden Gruppen aus dem gleichen Fachbereich zusammengebracht, die gemeinsam und angeleitet an genau den Materialien arbeiten, die vorher als Bedarf benannt wurden.

Besonders horizonterweiternd war die Session „OER international“, in der Kolleg:innen vom DLR-Projektträger aus dem Bereich „Berufsbildung International“, die die Frage stellten, welches Potenzial offene Bildungsmaterialien für den Transfer beruflicher Bildung in andere Länder haben. Ein Arbeitsfeld, mit dem die meisten im Raum bisher keine Berührungspunkte hatten.

Aus der Förderlinie OE_Struktur kam ein spannender Einblick in Research-Practice-Partnerships mit Schulträgern. Die methodische Herangehensweise – Forschung direkt mit den Menschen aus der Praxis zu betreiben, statt über sie – erinnert an Prinzipien, die auch in der Hochschuldidaktik zunehmend an Bedeutung gewinnen. Besonders beeindruckend war die Aufteilung in städtische, ländliche und freie Schulträger und die Frage, wie Bedarfe gemeinsam erhoben und nicht von außen gesetzt werden.

Und dann war da die Session „Hack your education“ mit drei Jugendlichen, die von ihren Erfahrungen bei Hackathons und dem Programm Jugend hackt berichtet haben. Ein Moment, der daran erinnert hat, wie intrinsisches Lernen aussieht, wenn junge Menschen den Raum bekommen, mit Code und Ideen die Welt zu gestalten, und gleichzeitig die Frage aufwirft, wie bildungsferne Jugendliche stärker erreicht werden können.

Als Team haben wir viel Input mit nach Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern genommen. Vielen Dank an alle Teilgebenden, das Organisator:innen Team für diese schön Konferenz. Eine Aufbereitung aller Workshops, Vorträge und MeetUps sowie Präsentationen zum Download sind in den nächsten Wochen auf der Konferenz-Webseite zu finden.

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