
Protokolle, Glossare, Fallanalysen, Lernzusammenfassungen: Im Seminarbetrieb entstehen ständig Texte, die nach der Bewertung meist niemand mehr liest. David Wiley hat dafür den Begriff „disposable assignments“ geprägt, also Wegwerf-Aufgaben. Gemeinsam mit John Hilton beschreibt er eine Alternative: erneuerbare Aufgaben, bei denen Studierende ihre Ergebnisse unter freier Lizenz veröffentlichen, sodass sie auch über das Seminar hinaus für andere nützlich bleiben (Wiley & Hilton, 2018). Gerade in Zeiten von KI gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung.
Für diesen Schritt braucht es kein aufwendiges Redaktionssystem. HedgeDoc, man könnte es ein Pad für Fortgeschrittene nennen, ermöglicht gemeinsames Schreiben in Echtzeit und das Veröffentlichen als schlanke Webseite mit wenigen Klicks.
Was ist HedgeDoc?
HedgeDoc ist ein quelloffener, browserbasierter Editor. Er wird einfach über eine URL im eigenen Browser aufgerufen. Alle Beteiligten schreiben im selben Dokument und sehen die Änderungen der anderen sofort. Im Hintergrund speichert HedgeDoc die Versionen mit: Geht doch einmal etwas verloren, lässt sich eine frühere Fassung einfach wiederherstellen.
Geschrieben wird in Markdown. Das klingt technischer, als es ist: Eine Raute (#) markiert eine Überschrift, ein Sternchen (*) einen Aufzählungspunkt. Nach kurzer Eingewöhnung lassen sich auch Tabellen, Bilder, Videos und Diagramme einbinden.
Die wichtigsten Funktionen:
- Echtzeit-Kollaboration direkt im Browser, ohne zusätzliche Software
- Versionsgeschichte: Die Entstehung eines Textes bleibt nachvollziehbar, frühere Fassungen sind wiederherstellbar
- Veröffentlichen per Klick: Fertige Texte werden als Leseversion online gestellt
- Präsentationsmodus: Folien entstehen direkt im selben Dokument
- Diagramme, Formeln und eingebettete Medien
- Einfaches Rechtesystem: Lese- und Schreibrechte werden per Auswahlmenü festgelegt
Integration und technische Nutzung
Viele Hochschulen haben HedgeDoc bereits im Angebot, oft unter einem Namen wie „Pad“. Die Universität Hamburg betreibt zum Beispiel eine eigene Instanz, in Niedersachsen läuft HedgeDoc über die Academic Cloud der GWDG (Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung mbH Göttingen). Ein Blick auf die Seite des eigenen Rechenzentrums lohnt sich also. Auf der hochschuleigenen Instanz bleiben die Texte dann auch in der eigenen Infrastruktur.
Wer HedgeDoc selbst betreiben möchte, findet auf der Projektseite ein fertiges Paket, ein Docker-Image und eine Demo zum Ausprobieren:
Die Nutzung erfolgt in wenigen Schritten:
- Neue Notiz auf einer HedgeDoc-Instanz anlegen
- Link mit Kolleg:innen oder Studierenden teilen
- Gemeinsam in Echtzeit schreiben, mit Live-Vorschau
- Berechtigungen festlegen (z. B. nur lesen oder gemeinsam bearbeiten)
- Text per Klick als Leseversion veröffentlichen
- Bei Bedarf als Präsentation zeigen oder als Markdown exportieren
So ist etwa ein gemeinsam erarbeitetes Glossar wenige Minuten nach der Sitzung als schlanke Webseite online.
Didaktischer Mehrwert
Mit HedgeDoc rückt neben den frei nutzbaren Materialien selbst auch die Praxis in den Blick, in der sie entstehen:
- Studierende werden zu Autor:innen, die für ein konkretes Publikum schreiben
- Feedback aus der Fachcommunity wird möglich, wenn Texte öffentlich zugänglich sind
- Früher Einblick ins wissenschaftliche Publizieren im geschützten Rahmen des Seminars
- Transparente Schreibprozesse durch die Versionsgeschichte
- Niedrigschwelliger Einstieg, da keine Installation und kein Spezialwissen nötig sind
Das Veröffentlichen wird so zum didaktischen Baustein, im besten Fall freiwillig und mit der Wahl, ob und unter welchem Namen ein Text erscheint.
HedgeDoc und Open Education
Offenheit bedeutet nicht nur freie Lizenzen, sondern auch, dass Materialien mit zugänglichen Werkzeugen und ohne viel Spezialwissen bearbeitbar sind. HedgeDoc erfüllt beides: Die Software ist frei, und die Inhalte entstehen in einem offenen Format.
Warum ist HedgeDoc OER-freundlich?
- Open Source – der Quellcode steht unter der Lizenz AGPL 3.0 frei zur Verfügung
- Offenes Format – Markdown ist reiner Text, ohne Lizenzsoftware lesbar und in andere Formate exportierbar
- Datensouveränität – auf hochschuleigenen Instanzen bleiben die Daten in der eigenen Infrastruktur
- Schnelles Veröffentlichen – Texte lassen sich per Link teilen oder als Webseite publizieren
- Gemeinsame Weiterentwicklung – Inhalte können von mehreren Personen ergänzt, angepasst und geremixt werden
Einsatzmöglichkeiten in Hochschule und Berufsbildung
HedgeDoc eignet sich insbesondere für:
- Erneuerbare Aufgaben, bei denen Studierende ihre Ergebnisse offen veröffentlichen
- Gemeinsame Glossare, Protokolle und Lernzusammenfassungen
- Fallanalysen und Gruppenarbeiten mit sichtbarem Arbeitsstand
- Kollaborative Ideensammlungen in Seminaren und Workshops
- Schlanke Präsentationen direkt aus Notizen
- Erstellung und Pflege offener Lernmaterialien in Markdown
Statt Dateien per Anhang hin und her zu schicken, arbeiten alle an einer gemeinsamen, stets aktuellen Fassung.
Hintergrund und Entwicklung
HedgeDoc ist aus dem Projekt CodiMD hervorgegangen und wurde 2020 umbenannt, um Verwechslungen mit einem gleichnamigen Projekt zu vermeiden. Die Software wird von einer Community aus vielen Freiwilligen weiterentwickelt, der Quellcode liegt öffentlich auf GitHub.
Fazit
HedgeDoc zeigt, dass offenes Publizieren im Seminarbetrieb kein großes Vorhaben sein muss. Das Tool verbindet einfache Zusammenarbeit in Echtzeit mit offener Software, einem offenen Format und Veröffentlichung per Klick. Für Lehrende, die Studierende als Autor:innen ernst nehmen und Seminarergebnisse über die Bewertung hinaus nutzbar machen möchten, ist HedgeDoc ein schlankes und OER-freundliches Werkzeug.