
Offene Bildungspraktiken entstehen dort, wo Lehrende Materialien, Ideen und Erfahrungen teilen und damit ihre Lehre sichtbar, nutzbar und weiterentwickelbar machen. Doch wie etabliert man eine Kultur des Teilens im Hoch- und Berufsschulalltag? Und wie bleibt sie tragfähig, gerade wenn KI-gestützte Werkzeuge ganz neue Fragen aufwerfen? Dazu haben wir kurz vor den Weihnachtsfeiertagen im Online-Treffen der Co-WOERK Community of Practice diskutiert.
Zunächst waren alle Teilnehmende aufgefordert, im „Chat-Wasserfall“ zu hinterlegen, woher sie sich Inspiration für ihre Lehre holen. Neben Veröffentlichungen, Fachbüchern, Webseiten, Schreib-Lernzentren anderer Universitäten landeten vor allem Treffen und der fachkundige Austausch mit Kolleg:innen, Forschungsgruppen oder Fachcommunities auf dem interaktiven Whiteboard.
Im Anschluss teilte zunächst Melanie Dahm ihre Erfahrungen. Sie ist Lehrkraft im Fachbereich Gesundheit an einer berufsbildenden Schule in Niedersachsen und Fachberaterin für schulische Innovationen. In ihrer Arbeit spielen digitale Medien und das Lernen mit Künstlicher Intelligenz eine wichtige Rolle. Sie findet, dass die Kultur des Teilens in der Bildung noch stärker etabliert werden sollte, vor allem weil uns die Digitalität genau diese Möglichkeiten eröffnet.
In ihrem inspirierenden Impuls-Vortrag wurde schnell deutlich: Melanie Dahm lebt offene Bildungspraxis durch und durch. Sie entwickelt mit ihren Lerngruppen im Lernprozess selbst Materialien zum Nachnutzen, sie arbeitet kollaborativ in ihrem Kollegium, initiiert Netzwerke in der beruflichen Bildung und stellt eine Vielzahl an Learnings und Ideen auf ihrer Website „InnovativLernen“ zur Verfügung. Wichtig ist aus ihrer Sicht, sich auch als Lehrkraft in einer lernenden Rolle zu begreifen, d.h. ein Mindset zu entwickeln, in dem sich Lernen und Weiterentwicklung nicht als zusätzliche Belastung anfühlen. Ihr Appell an alle Lehrenden und Lernenden: Das Material muss nicht perfekt sein, bevor man es teilt, denn auch Unvollständiges hilft anderen weiter. Welche OER-Tools sie nutzt, wie man gemeinsam lernen und dokumentieren kann, und wie sie ihr eigenes Lernen sichtbar macht, hat Melanie Dahm in dieser Präsentation zusammengefasst.
Der zweite Referent kam aus den Reihen des Co-WOERK Teams selbst. Matthias Söll ist Professor für Wirtschaftsdidaktik an der Universität Rostock und Betreiber eines offenen Lehre-Blogs. In seinem „SciBlog iWIP“ bloggt er über seine Lehrveranstaltungen und benutzt die Beiträge direkt als Präsentationen. Zudem beschäftigt er sich mit den (bildungs-)politischen Rahmenbedingungen, der Entwicklung und Nutzung freier Bildungsmaterialien und macht seine Forschungs- und Lehrmaterialien als OER frei zugänglich. Durch sein Mitwirken im Co-WOERK Projekt hat er noch einmal genauer auf die eigene offene Lehrpraxis geschaut und erlebt sich mittlerweile noch stärker als ‚teilender Hochschullehrer‘.
Matthias Söll lehrt sehr gerne und hat seit den 2010er Jahren rückblickend seine Lehrvorbereitungen über viele Jahre mit einem stets wachsenden „Tool-Zoo“ aus Word, PowerPoint, GIMP und PDF erstellt und in verschiedene Learning-Management-Systeme wie ILIAS, Moodle oder Stud.IP eingepflegt. Seit seiner Beschäftigung mit Open Educational Resources (OER) kamen neue Werkzeuge wie Lumi oder H5P hinzu. Und er stellte sich selbst eine einfache, aber grundlegende Frage: Muss das wirklich so kleinteilig sein?
Sein Wendepunkt war keine neue Software, sondern eine konzeptionelle Entscheidung: Statt seine Lerninhalte immer wieder neu zu exportieren, hochzuladen und anzupassen, sollte es einen zentralen Ablageort geben. Mit seinem SciBlog iWIP hat er mit KI-Unterstützung seine eigene, internetbasierte Lehr-Lern-Umgebung gebaut, in der sich didaktische Planung, Veröffentlichung, Offenheit und Nachhaltigkeit sinnvoll miteinander verbinden lassen. Seit diesem Wintersemester setzt er den Blog in seinen Lehrveranstaltungen ein und stellt seine Lehrinhalte damit nicht nur bereit, sondern macht sie für seine Studierende nutzbar. Seine Motivation, die Funktionen und Learnings bei der Entwicklung des SciBlog iWIP hat er in diesem Blogbeitrag zusammengetragen.
Die Treffen der Co-WOERK Community of Practice werden zwar nicht aufgezeichnet, aber wir haben an dieser Stelle die wichtigsten Links zusammengestellt:
Link zu Melanie Dahms Blog: https://innovativlernen.de/
Präsentation von Melanie Dahm: Kultur-des-Teilens-Impuls_Melanie-Dahm.pdf
Link zu Matthias Sölls Blog: https://matthiassoell.github.io/iWIP/
Präsentation von Matthias Söll: https://matthiassoell.github.io/iWIP/blog/oer/warum_sciblog/
Save the Date!
Im ersten Online-Treffen der Community of Practice im neuen Jahr am 15. Januar von 13:00 bis 14:00 Uhr geht es um „Rechtsfragen zu OER im Dialog – Sie fragen, wir antworten“. Sie können hierfür gerne schon jetzt ihre Fragen an unseren Referenten Henry Steinhau von iRightsLab in das eingerichtete Etherpad schreiben.