
In Unterricht und Lehrveranstaltungen ist das Modell „Wissensreproduktion“ mit Lehrenden als Wissenshüter:innen und Lernenden als Empfänger:innen immer noch die Regel. Meist steht am Ende einer Lerneinheit ein einmaliger summativer Leistungsnachweis, der keinen Anschluss an weitere Lernprozesse vorsieht. Spätestens seit generative KI im Hörsaal angekommen ist, geraten diese Routinen ins Wanken – und mit ihnen die Frage, was eine Prüfung eigentlich sichtbar machen soll.
Im Online-Treffen der Co-WOERK Community of Practice im Juli zum Thema „Wo passt offene Lehre? Didaktische Konzepte und alternative Prüfungsformen“haben wir uns gefragt, wie sich Lehr- und Lernsettings aufbrechen lassen, und welche prozessorientierten, studienbegleitenden Prüfungsformate eine tragfähige Alternative bieten.
In der Mentimeter-Umfrage zur Frage „Wie offen ist Ihre Lehre / die Lehre Ihrer Institution?“ trafen sich die knapp 30 Teilnehmenden bei 2,9 in der Mitte, d.h. die Tür zur offenen Lehre steht vielerorts schon ziemlich weit offen, jetzt gilt es, durchzugehen. Und das tun viele der Teilnehmenden bereits, denn sie nutzen schon fremde OER-Materialien, stellen eigene OERs auf einem Repositorium zur Verfügung oder setzen E-Portfolios (z.B. in Moodle, Mahara oder FolioSpaces) laut Umfrage in ihrer eigenen Lehre ein.
Dr. Christin Barbarino, Co-WOERK Community Managerin an der Europa-Universität Viadrina, erläuterte zunächst, wieso jetzige Prüfungen oft punktuell und folgenlos sind und in der „Abgabeschublade“ landen, und wieso sich im KI-Zeitalter offene Bildungsmaterialien und damit verbundene co-kreative Prozesse zwischen Lehrenden und Lernenden als alternative Prüfungsleistung anbieten. So könnten die Lernenden beispielsweise gemeinsam Wiki-Artikel schreiben, kollaborativ Erklärvideos, Konzeptpapiere oder Handreichungen erstellen oder per Open Book Exam geprüft werden. „OER bieten sich in ihrer ganzen Vielfalt als studienbegleitendes Prüfungsformat an, weil sie genau die Kompetenzen trainieren, die wir momentan brauchen, die sogenannten Future Skills“, erklärt Christin Barbarino. Damit es funktioniert, braucht es u.a. Freiräume für Lehrende, um neue Prüfungsformate zu entwickeln, kollegialen Austausch zum Prüfen und generell ein Umdenken zu offener Lehre. Zudem müssten Prüfungsordnungen verändert, technische Infrastrukturen geschaffen und Lernende und Lehrende begleitet und zu Urheberrecht & Lizenzen (CC), aber auch Datenschutz beraten werden.
Im Anschluss gab es zwei interessante Beispiele aus der Praxis. Dr. Bernadette Bernasconi, Erziehungswissenschaftlerin und Koordinatorin im Projekt PrimOER (Universität Paderborn) und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Köln, hat über mehrere Semester mit ihren Studierenden offene Bildungsmaterialien entwickelt. Das Seminar, das sich an angehende Lehrkräfte im Bachelorstudium richtete, wurde in Kooperation mit dem Zentrum für Lehrer:innenbildung der Universität Köln im Projekt DigiLL konzipiert. Ziel war es, ein gemeinsames Lernmodul zum Thema „Digitale Lernmaterialien entdecken, beurteilen und selbst erstellen“ für Studierende, Lehrkräfte und Interessierte zu erstellen. Es wurden Lerngruppen gebildet, die einen ausgewählten Lernbaustein zum Themenfeld Inklusion und Digitalisierung in 15 Seminareinheiten co-kreativ in H5P gestalteten.
Laut Bernasconi stellte sich schnell heraus, dass die Studierenden digitale Materialien, Apps & Co bereits nutzen, aber technisch keinerlei Erfahrungen für die digitale Erstellung eben solcher hatten. Anders als beim wissenschaftlichen Schreiben fiel es ihnen außerdem sehr schwer, kurze, prägnante, inhaltlich korrekte und für die Zielgruppe verständliche Texte zu produzieren. Beim finalen Zusammenführen der verschiedenen Lerninhalte der einzelnen Lerngruppen überwog bei den Studierenden der Stolz über die eigene Leistung und darüber, was sie kollaborativ in wenigen Wochen geschaffen und gelernt hatten. Gleichzeitig fiel ihnen selbstkritisch auf, dass unterschiedliche Schriftarten verwendet wurden, Übergänge manchmal nicht passten und die Qualität des Lernmoduls noch nicht für eine Veröffentlichung in einem OER-Repositorium ausreichte.
Neben ihrem deutlich erhöhten Arbeitsaufwand für die Vor- und Nachbereitung des Seminars zieht die Dozentin ein positives Fazit: Die Studierenden haben u. a. OER und deren Potentiale für Lernen, Schule und Unterricht kennengelernt, kollaborativ miteinander gearbeitet, Wissen partizipativ erworben und nicht nur empfangen und sich nicht zuletzt zu OER-Expert:innen weiterentwickelt. Ihr gemeinsam mit dem Projekt digiLL_COM entwickeltes Seminarkonzept, das Studierende als Autor:innen von OER-Lernmaterialien befähigt, sowie umfangreiche Begleitmaterialien sind hier zum Download zu finden.
Im zweiten Impulsvortrag gab Charlot Hoffmann einen Einblick in E-Portfolios, die sie als Lehrende im Learning Management System Moodle im Themenbereich Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Lehrkräftebildung einsetzt. Sie ist als Projektkoordinatorin im OERle-Projekt und in der Initiative Studium oecologicum an der Universität Potsdam tätig. Ein E-Portfolio ist eine digitale Sammelmappe, die zur Dokumentation, Reflexion und Präsentation von Lernprozessen und Kompetenzen dient. Portfolioprüfungen bieten sich ihrer Meinung nach als formative Assessment-Methode an, weil die Aufgaben und Leistungen zu mehreren Zeitpunkten während des Lernprozesses bearbeitet werden und das Lernen als Prozess betrachtet wird.
Eine wichtige Voraussetzung ist der Zugang zu H5P, der über Moodle oder ILIAS an den meisten Lehrinstitutionen vorhanden ist. Außerdem empfiehlt sie Lehrenden, eine klare Struktur der gewünschten Form wie Einleitung, Projektplanung, individuelle Reflexion oder Literaturverzeichnis vorzugeben, damit sich die Lernenden an diesem Grundgerüst entlanghangeln und kreativ ihr eigenes interaktives E-Portfolio gestalten können. Trotz zeitlichen Mehraufwands in der Einführungs- und Implementierungsphase überwiegen für Hoffmann die positiven Erfahrungen: Sobald die Studierenden ihre technische Hemmschwelle überwunden haben, nutzen sie sämtliche kreative Möglichkeiten des H5P-Tools aus und lassen trotz KI in den E-Portfolios viel Eigenleistung erkennen. Für sie selbst ist es nicht nur eine kreative, bereichernde Möglichkeit für ihre Lehre, sondern auch die Korrekturen sind leichter und bereiten ihr deutlich mehr Freude.
Weitere Informationen finden Sie in der Präsentation. Die Treffen der Co-WOERK Community of Practice werden zwar nicht aufgezeichnet, aber wir haben an dieser Stelle die wichtigsten Links zusammengestellt:
Kontakt zu den Referentinnen:
Dr. Bernadette Bernasconi: https://www.uni-paderborn.de/person/118469
Charlot Hofmann: https://www.uni-potsdam.de/de/umwelt/institut/alle-mitarbeiterinnen/hoffmann-charlot
Dr. Christin Barbarino: https://www.linkedin.com/in/christinbarbarino/
Projekt primOER: https://primoer.uni-paderborn.de/
Projekt OERle: https://bne-oer.de/
Co-WOERK Vortrag zu offenen Prüfungsformaten auf der Konferenz „OER im Blick“: OER-im-Blick_Offene-Pruefungsformate-statt-Abgabeschublade_final.pdf
DigiLL-Seminarkonzept: https://digill.de/digill-fuer-studierende-als-oer-autorinnen/
H5P:
https://h5p.org/
https://h5p.org/content-types-and-applications
https://open-educational-resources.de/eportfolio-in-h5p/
E-Portfolio: https://de.wikipedia.org/wiki/E-Portfolio